Samstag, 16. Januar 2016

Verständnis von "Vorwärts" in der Bewegung des Pferdes in Bezug auf die Ausbildung zur Tragfähigkeit

VORWÄRTS


Unter Vorwärts versteht man im Allgemeinen Raumgewinn - die Bewegung nach vorn, um sich fortzubewegen.

Jedoch kann hier in Bezug auf die Art der Bewegung eine Unterscheidung oder eher gesagt eine Einstufung vorgenommen werden - nämlich in Bezug auf eben diesen Raumgewinn. Aktivität oder Vorwärts in der Bewegung ist in mehreren "Stufen" möglich.

Vorwärts braucht nicht zwingend Raumgriff. Aber Vorwärts braucht zwingend die Aufwärts-Tendenz in der Bewegung - dass der Schwung der Hinterhand bis zum Kopf bzw. Genick hindurchfließt. Ich wünsche mir von meinem Pferd, dass es mich spannungsfrei trägt. Dafür braucht es einen starken und locker schwingenden Rücken. Ist dieser verkrampft und festgehalten, schwingt er nicht und ich sitze dem Pferd lastend im Rücken. Damit mich mein Pferd in die Bewegung mitnimmt und nicht als Last empfindet, ist mein stetes Ziel ein losgelassenes Pferd, dass sich locker und frei bewegt. Da ich eben auf dem Rücken sitze, versuche ich immer die freie schwingende Bewegung im Rücken zu erhalten. Dann spüre ich auch, wie die Hinterhand den Rücken in der Bewegung mitnimmt - in Schwingung setzt. Ein Schwingen meint hier ein lockeres an und abspannen der Muskulatur und die freie, unverkrampfte, harmonische Bewegung des Rumpfes.

Stellen wir uns ein Tanzpaar vor:
Sie können in lebhaftem Rhythmus über die Tanzfläche fliegen -
sie können aber auch fast auf der Stelle tanzen ohne dabei still zu stehen, an Harmonie oder Aktion in der Bewegung zu verlieren, oder? Solange sie im Rhythmus bleiben, solange sie aktiv sind, ist jeder Schritt genauso wertvoll und elegant (je perfekter das Paar im Können und als Team).

Genauso können wir uns die Aktivität, das Vorwärts in der Bewegung des Pferdes aus der Hinterhand heraus vorstellen: Die Kraft dahinter und der Impuls sind gleich. Der Unterschied liegt im Schub. Drückt sich das Pferd nach vorn ab, um Raum zu gewinnen? Oder drücken die Hinterhufe nach vorn-aufwärts, also steiler, bleiben in Aktion, nur ohne aktiv vorwärts zu kommen. Hierbei kippt das Pferd sein Becken und beugt die Gelenke der Hinterhand. Somit senkt sich die Hinterhand und damit erscheint das Pferd vorne höher.
Das ist als würdest Du rennen. Beim rennen bist Du nach vorn geneigt und drückst Dich kraftvoll ab. Wenn Du Dich nun in gleichem Rhythmus aufrichtest und deine Beine weniger schieben, mehr unter Deinem Schwerpunkt sind, bewegst Du Dich immer noch vorwärts, jedoch mehr aufwärts. Wenn Du nun dabei noch Dein Becken kippst und in die Knie gehst und Deine Beine nach von oben anhebst, bewegst Du Dich in Versammlung (um in den Worten zu sprechen, die wir auch für das Pferd benutzen). Die Energie sammelt sich in den Beinen. Du entlädst sie nicht im Schub nach vorn, aber Du könntest es jederzeit.

Warum kann ich dann nicht einfach nur tippeln? Ist nicht so anstrengend und ich bewege mich auch auf der Stelle?
Schwacher Rücken, die Last hängt auf der Vorhand
Dann probiere es einmal aus. Aber denke dabei an ein Pferd, dass vier Beine hat und den Reiter auf seinem Rücken tragen muss. Ohne einen wechselseitig in der Bewegung sich wölbenden Rücken (Auf- und Abspannen), der über die Beckenbewegung von der Hinterhand aus entsteht, würde er hängen (nach unten drücken und verspannen) und das schadet auf Dauer. Nun tipple ruhig einmal. Beim Tippeln wird der Rücken nicht gestärkt, nicht gewölbt. Erst wenn die Bewegung über das kippende Becken und Aktion in der Hinterhand "Zug" auf den Rücken ausüben, kann er sich von hinten her wechselseitig spannungsfrei aufwölben (auf und ab bewegen - als auch verkürzen und dehnen) und den Reiter tragen. Tippeln kann man auch im Hohlkreuz, aber auf Dauer tragen, nicht.
Starker Rücken, die Hinterhand trägt mit.



Der Unterschied liegt zusätzlich noch in der Art, wie das Pferd sein Becken und die Gelenke in der Hinterhand benutzt. Für ein aktives Vorwärts braucht es mehr Streckung in den Gelenken, mehr Schub. Für weniger Vorwärts im gleichen Takt und mit gleicher Intensität braucht es weniger bis kaum Schub, sondern eine Beugung in den Gelenken.
Hierfür machen wir noch einen Selbstversuch:


Stelle Dich auf eine freie Fläche und suche Dir ein Ziel.
Nun rennst Du auf dieses Ziel zu, jedoch nicht hektisch, sondern elegant und schwungvoll. Es geht nicht um wettrennen, wobei der Körper anspannt - sondern um joggen, schwungvolle gleichmäßige Bewegungen, die Du auch länger durchhalten würdest.

Nun erinnre Dich genau an die Intensität Deiner Bewegung, wie weit haben sich Deine Füße vom Boden gehoben? Wie viel Schwung und Bewegung ging durch Deinen Rumpf - wie viel hat sich Dein Brustkorb und der Rücken mitbewegt?

Nun stelle Dir vor, Du würdest über kleine Hürden joggen, die gleiche Strecke wie eben.
Hast Du einen Unterschied in der Aktivität in den Beinen und der Rumpfbewegung gespürt? 
Es gibt mehr Aufwärts, mehr Abfußen, mehr Energie, die durch den Körper fließt. Diese Energie ist für einen schwingenden Rücken beim Pferd notwendig. Denn nur ein Joggen, wobei die Füße kaum vom Boden wegkommen, bleibt der Rumpf recht fest, der Körper kommt nicht in Wallung.

Nun ein dritter Versuch. Jogge nun mit der Idee und Intensität, als würdest Du über die Hürden laufen, jedoch bleibst Du fast auf der Stelle. Was passiert in Deinem Körper? Wo ist dein Schwerpunkt? Wie empfindest Du die Schwingung, die Aufwärtsbewegung und das Vorwärts? Ist das einfach und könntest Du so noch eine Weile weitermachen?

Nein - das ist anstrengend. Je mehr Du üben würdest, umso leichter fällt es Dir. Es braucht viel Kraft in den Beinen (mit einem Gewicht auf dem Rücken noch mehr). Das Aufwärts ist genauso intensiv wie beim Hürdenlauf, jedoch ohne dieses Vorwärts mit Raumgewinn. Du bist nicht mehr im gleichen Grad nach vorn geneigt, sondern erhabener und hast Dein Becken mehr kippen müssen, weil sich die Beine nicht in der gleichen Art gestreckt haben, wie für den Raumgewinn.

VERSAMMLUNG


Das ist das Prinzip von Versammlung, die daraus entsteht, dass es in der gleichen Intensität des Vorwärts immer weniger Raumgewinn gibt, die Bewegungen noch erhabener werden, weil das Abfußen sozusagen einen anderen Winkel hat. 
Zudem setzten sich die Hufe in der Versammlung weiter unter den Schwerpunkt und näher aneinander als im Vorwärts. Will das Pferd Raum gewinnen, setzt sich der vorfußende Huf unter den Schwerpunkt und jeder Huf setzt weit auseinander auf. Je mehr Raumgewinn, desto länger die Schwebephase, wenn der Takt erhalten bleibt. Je weniger Raumgewinn, desto länger bleibt der tragende Hinterhuf auf dem Boden.

Das Vorwärts der aktiven Hinterhand ist (in Bezug auf die Ausbildung zum tragfähigen Pferd) kein ausschließliches Schieben, um Tempo zu erzeugen, wie es in der natürlichen Fluchtbewegung des Pferdes der Fall ist.
Hierbei drücken die Hinterbeine das Pferd nach vorn und treten dabei sozusagen hinten heraus. Die Energie bzw. Bewegung wird über das Becken und einen durchgedrückten Rücken nach vorn geleitet, wo sie von der Vorhand aufgefangen und weitergeleitet wird. Der Rücken schwingt nicht und der Brustkorb ist mir dem Reitergewicht belastet.
(siehe Bild oben vom schwachen Rücken) 

Doch mit der Aktivität in den Beinen, die sich vorwärts-aufwärts bewegen, entsteht in jedem Schritt ein "Zug" über das Becken auf die jeweilige Rückenseite (wo das Bein vortritt), der diese Seite aufwärts bewegt und in Schwingung setzt. Das ist die Grundlage dafür, dass uns ein Pferd tragen kann. Denn durch diese Art der Bewegung lastet der Reiter nicht mehr auf der Vorhand, da das Pferd diese nicht vor sich herschiebt.

Stelle Dir vor, Du schiebst eine schwere Schubkarre, vielleicht sogar noch einen Hügel hinauf. Du wirst Dich gegen die Schubkarre lehnen, um mehr Kraft zum Schieben zu haben - Deine Beine schieben nach hinten hinaus, damit die Kraftübertragung möglichst optimal ist. Hochheben könntest Du diese jedoch keinen Millimeter.


TRAGEN


Das Pferd jedoch soll oder muss seinen Reiter tragen können, um nicht mit Rückenschmerzen oder Blockaden zu enden. Dafür muss der Schub (wie in dem Beispiel mit der Schub-Karre) minimiert werden, um die Last vom Brustkorb (mitsamt Reiter und dem sowieso schon größeren Gewicht auf der Vorhand durch Hals und Kopf) zu nehmen und mit auf die Hinterhand zu verteilen. Dazu muss die Hinterhand tragfähiger werden - das heißt, sie muss unter den Schwerpunkt treten, um die Schultern, den Brustkorb und damit den Reiter sozusagen anzuheben und mitzutragen. Hierbei helfen auch die Bauchmuskeln mit und veranlassen, dass der Rücken (mit dem Bewegungsmuskel longissimus dorsi) seiner Aufgabe des Fortbewegens und Biegens spannungsfrei nachkommen kann. Eine ebenso wichtige Rolle kommt der Halsmuskulatur zu. Der Hals dient als Balancierstange und die Halsmuskulatur ist besonders wichtig für die Entlastung des Rückens und übernimmt tragende Funktionen.

Wieder am Beispiel der Schub-Karre sieht das dann so aus: Die Hinterhand (unsere Beine) nimmt mehr Last auf, statt nur zu schieben und stehen nicht mehr schräg, um zu schieben - sondern aufrecht. Die Arme heben das Gewicht der Schubkarre an und mit weniger Schub würde man dennoch vorankommen, nur langsamer.

Damit uns das Pferd tragen kann, muss es seine Fluchthaltung und Fluchtmechanismus umwandeln in eine Körper- und Bewegungsform, in der der Brustkorb aufgrund vermehrter Lastaufnahme der Hinterhand mitgetragen wird. Hierbei soll die Hinterhand unter den Schwerpunkt treten, um den Brustkorb und die Schultern anzuheben, statt sie zu belasten.
Wenn das Pferd (von Natur aus) seinen Brustkorb nicht trägt (tragen kann), wie soll es dann einen Reiter tragen, der ja hinter dem Widerrist, über dem Brustkorb sitzt und die Schultern belastet?

Der Unterschied von Haltung und Bewegung des Pferdes (rechts) in der natürlichen Fluchthaltung und (links) in Versammlung. Der Augenmerk liegt hier auf dem Rücken und der Energie, die über die Aktion der Hinterbeine entsteht und gelenkt wird.

Aus diesem Grund trainieren wir ein Pferd zuerst am Boden und mit dem gleichen Ziel dann unter dem Reiter zu einem Reitpferd, dass körperlich (muskulär) dazu im Stande ist, das Gewicht wirklich zu tragen. Hierbei ist die Art der Bewegung entscheidend. Von sich aus muss sich das Pferd so nicht bewegen, die Natur braucht das nicht, sonst hätte sie es dem Pferd angeboren. Und hier spielt eben das Vorwärts eine Rolle. Die Energie, die Bewegung soll nicht in den Boden fließen oder rammen. Das Pferd nicht schwerfällig und steif in den Boden stampfen. Das Pferd sollte sich mit dem Reiter leicht und geschmeidig federnd bewegen können. Die Energie fließt aus der Hinterhand, weil die Kraft da ist. Das Pferd rennt nicht (flieht, um sein Gleichgewicht wiederzufinden), sondern tanzt, rhythmisch und gleichmäßig, egal ob große oder kleine Schritte (Tritte, Sprünge). Das braucht ein gezieltes Körpertraining. Gerittenwerden ist Sport.

Denn tragen kann das Pferd den Reiter nicht lange mit seinen (festgehaltenen, gespannten) Muskeln, sondern durch und über die Bewegungen seines Körpers, mit gelösten spannungsfreien Muskeln, die ihre Arbeit verrichten können.



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